Rezension: "Frust, Revolte und Normalität" von Rose Kleinknecht-Herrmann



Es ist wirklich schade, dass es so manchem Buch an der nötigen PR mangelt.

Der Roman "Frust, Revolte und Normalität - Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink" von Rose Kleinknecht-Herrmann bietet meines Erachtens hohe literarische Qualität, die es verdient hat, gelesen zu werden.

Die Lektüre befasst sich mit den Schülern, den Lehrern und dem Schulsystem der 60er, 70er und 80er Jahre. Ein Jeder, der in dieser Zeit zur Schule gegangen ist oder aber in dieser Zeit selbst unterrichtet hat, wird sich von Beginn an wiederfinden.
Der Hauptprotagonist, der Lehrer Wolfgang Fink, gewährt dem Leser einen Einblick, in das, was das System in dieser Zeit ausgemacht hat - der Autorität.
So wird während dieser Zeit noch am Anfang der Stunde aufgestanden und gegrüßt, sobald der Lehrer das Klassenzimmer betritt. Tische, die in Reihe und Glied zur Tafel hingerichtet stehen, sind voneinander getrennt. Gruppenarbeit wird nur im Notfall praktiziert. Als Strafe dafür, dass man beispielsweise zum Unterricht zu spät erscheint, wird einem in der Regel als Strafe schriftliche Zusatzarbeit oder Nachsitzen aufgebrummt. Die vom Lehrer gestellten Fragen werden erst nach Handzeichen und Aufforderung des Lehres beantwortet und mehrmalige Zwischenrufe eines Schülers mit einer Rüge geahndet.

Würde da nicht das Erziehungskonzept der antiautoritären Erziehung dazwischen kommen, jeder Lehrer hätte einen unkomplizierten Schulalltag erlebt. Was also tun, wenn zwei Welten aufeinandertreffen?
Lehrer Wolfgang Fink entscheidet sich für die Form des geringsten Widerstandes. Er ist nicht der Typ, der mit aller Macht seine Autorität, die er als Lehrer eigentlich besitzt, ausspielt. Um sich vor einem langsam, drohenden Burnout, der seinerzeit noch nicht als dieser erkannt wird, zu schützen, lässt er die Schüler gewähren. Zwischenrufe, Streiche, ungehobeltes Benehmen werden von seiner Seite aus zwar wahrgenommen, aber einfach ignoriert. Fink ist somit das ausführende Organ, mehr aber auch nicht. Es gilt im Schulalltag zu überleben. Im Vergleich zu seinen Kollegen ist Lehrer Fink ein blasser, nichtssagender Typ, wie eine kalte Hühnersuppe, die zwar Geschmack hat, aber nur in heißer Form mundet.

Auch als Ehemann, ausdrucklos und langweilig, entfremdet sich Fink immer mehr von seiner Frau. Diese fühlt sich zu jenen Freunden hingezogen, die ein aufregendes Leben führen, dass von Fernreisen, teuren Schmuckstücken und opulenten Partys bestimmt ist. Fink, wie sollte es anders sein, kann dem nichts abgewinnen und lässt derlei Freundschaften zunehmend einschlafen, verfügt er doch als Lehrer eh nicht über ein derart hohes Einkommen, das für derlei Ausschweifungen von Nöten ist. Insgeheim fühlt er sich als Versager, als jemand, der nicht in Lage ist, seiner Familie etwas zu bieten und suhlt sich in Selbstmitleid und Minderwertigkeitskomplexen. Doch spricht er aus, was viele in dieser Zeit nicht wahrhaben wollen und als politisch unkorrekt gilt.

Rosemarie Kleinknecht-Herrmann schafft es mit Witz, Scharfsinn und stilistischer Feinheit  den Leser in eine Zeit zurückzuversetzen, die vom Aufbrauch im deutschen Schulsystem bestimmt ist. Selbst Gymnasiallehrerin, hat sie Philosophie, Romanistik und Geschichte studiert, über Rainer Maria Rilke promoviert, von 1946 bis 1985 in Paris und Stuttgart unterrichtet und war in der politischen Bildung tätig. 

Hier ist ein Roman entstanden, der es mehr als wert ist, gelesen zu werden! Ich schmunzel noch immer und habe den Durchschnittsbürger Wolfgang Fink aus heutiger Sicht in mein Herz geschlossen, was zu meiner Schulzeit mit Sicherheit nicht der Fall gewesen wäre.

Meine Bewertung: 5***** von 5***** Sternchen


  Frust, Revolte und Normalität
Die Leiden des Lehrers Wolfgang Fink
von Rose Kleinknecht-Herrmann
erschienen bei
CreateSpace Independent Publishing Platform
  324 Seiten
 ISBN: 978-1-536-90538-0
Taschenbuch
Preis: 9,63 €