XIV - Von Hundert auf Null/Juli 2011


Eine Woche später sitze ich in den Räumen der Suchtberatungsstelle. Ich kann es selbst nicht fassen.
Meine Ansprechpartnerin wirkt auf mich zwar nicht gerade unsympathisch, aber dennoch verhalte ich mich erst einmal abwartend.

"Und Sie möchten sich also einem Entzug unterziehen", fragt mich Frau Lesser. Ihr Namensschild verrät mir ihren Namen. Vorgestellt hat sie sich nicht bei mir, aber das ist mir in diesem Moment auch völlig egal.
"Muss ich wohl. Ich habe keine andere Wahl, denke ich", antworte ich schnell. Nur keine Redepausen, nur das nicht.

Sicherlich haben alle Mitarbeiter der Beratungsstelle eine psychologische Zusatzausbildung genossen und wenn ich eins nicht mehr hören kann, dann ist es dieses Psychologengesabbel. Alles wird analysiert. Wie man sitzt, ob die Hände verschränkt sind, ob man auf den Händen sitze oder ob man an den Fingernägeln kaut. Egal was man macht, immer werden Defizite aufgedeckt. Ich kann das alles nicht mehr hören! Deshalb gilt für mich, reden, reden und nochmal reden.

"Sie müssen? Niemand muss! Vielleicht gefällt Ihnen das Leben ja auch mit Ihrem Krückstock", erkundigt sich Frau Lesser mit leicht ironischer Stimme.
Und genau das ist es, was ich nicht mehr hören kann.
Ja, mir gefällt dieses beschissene mit Panikattacken gespickte Leben. Ich kann mir gar nichts besseres vorstellen. Nichts ist schöner als das! Morgens panisch aufwachen und nachts vollbepackt mit einem riesigen Sack voll Panik einschlafen. Ich hasse dieses Gerede, muss mich aber zwingen, nicht schon jetzt aggressiv zu werden, das werde ich mit Sicherheit noch früh genug. Spätestens wenn ich keine Glücksbärchen mehr bekomme. Spätestens dann werden mich alle kennenlernen und sich wünschen, mich nie kennengelernt zu haben.
"Ich kenne diese Fragen, Frau Lesser", erwidere ich ein wenig genervt und fixiere dabei ihre Halskette. Ich mag diese Art von Schmuck. Auffällige Schmuckstücke, dicke fette Klunker. Nichts zartes, nichts fragiles, nichts, was leicht brechen könnte. Gebrochen bin ich selbst. 
"Ich sage, ich muss, weil es so nicht weitergehen kann. Ich habe keine Lust mehr, zwanzig Stunden am Tag zu schlafen und dennoch Panik zu verspüren. Ich will so nicht mehr leben. Schluss! Aus! Ende! So nicht mehr!"
Bums, das sitzt. Meine letzten Energiereserven habe ich für diesen Redeschwall mobilisiert und ich sehe am Blick der Beratungsstellenmitarbeiterin, dass die Worte angekommen sind. Gut so, denke ich, gut so. Zeig ihr, dass du noch die Zügel in der Hand hast. Noch bestimmst du, wo es lang geht. Noch bist du es. Niemand sonst. Niemand!