XIX - Von Hundert auf Null/05.September 2011

Kein Mensch in Sicht!
Ich stehe immer noch an der Wand des Ganges.
Ungefähr sieben Meter und ich hätte wenigstens mein Zimmer erreicht.
Ich komme mir vor wie ein kleines Kind, dass Mama und Papa im großen Gewühl eines Kaufhauses verloren hat. Schlichtweg allein gelassen.
Ganz langsam, Stück für Stück hangel ich mich an der Wand Richtung Zimmer lang. Mein Herz schlägt so laut und kräftig, dass es meines Erachtens nicht gesund für den Körper sein kann.

Gleich werde ich einen Herzinfakt bekommen. 
Gedacht habe ich das bestimmt schon gute tausendmal, passiert ist mir noch nie etwas. Heute aber wird alles anders sein. Heute werde ich sterben. Der Herzinfakt wird mein eingeschränktes, kleines, beschissenes Leben beenden.
Vielleicht sollte ich froh sein, dann wäre dieses Martyrium endlich vorbei.
Kein Leid mehr ertragen müssen. Endlich Ruhe und Frieden, endlich.
Ich flehe dich an, lieber Gott, lass mich sterben, bitte, lass mich endlich sterben. Ich halte diese Panik in mir nicht mehr aus. Einfach tot umfallen. Plumps und weg.
Das Herz nimmt einen neuen Anlauf, aber so schnell stirbt es sich nicht, so schnell nicht.
Der Puls rast! Ich kenne meine Blutdruckwerte, die ich während eines Panikanfalls erreiche. Wäre Bluthochdruck eine olympische Disziplin, ich wäre mehrfache Olympaisiegerin. Ich schätze meinen Blutdruck derweil auf 200/160. Ich weiß, auch diese Werte hält mein Körper aus. Natürlich, bin ich doch ganz andere Wert gewohnt und Schaden hat mein Herz dadurch nie genommen.
Oh, nein, jetzt bitte nicht auch noch Darmbeschwerden. Wie schon so oft in meinem Leben löst die Panik heftige Durchfälle aus. Es nützt nichts, ich muss sofort eine Toilette aufsuchen, sofort. Allerdings befindet sich diese in einem anderen Gang, so dass der Weg, den ich jetzt zurücklegen muss, sich vervierfacht.
Schrei nicht, halt deinen Mund. Du wirst auf dem Weg zur Toilette nicht zusammenbrechen. Geh! Geh jetzt einfach! Halte dich an der Wand fest. Gut, noch ein Stückchen. Ja, genauso. Und wieder ein Stück geschafft. Ich hangel mich Zentimeter für Zentimeter an der Wand entlang.
Ich bin froh, dass mir grad niemand begegnet. Was für ein peinliches Bild muss ich nur abgeben. 
Ich muss schneller gehen, wenn sich mein Darm nicht hier auf dem Gang entleeren soll. Und auf einmal beginne ich zu rennen. Ich renne um mein Leben. Ich renne, wie von einer Tarantel gestochen! Noch einmal um die Ecke, du schaffst das! Lauf, lauf! Und tatsächlich, ich kann die Toilette sehen. Vielleicht habe ich noch einmal Glück gehabt und die Panik rafft mich nicht dahin. 
Ich reiße die Tür auf. Knalle sie hinter mir zu und reiße mir meine Hose vom Leib. Du hast es geschafft. Du kannst dich von dem Ballast lösen! Raus damit!