XXI - Von Hundert auf Null/05. September 2011

Als Schwester Lotte das Zimmer verlässt und die Tür hinter sich schließt, lasse ich mich auf eines der freien Betten fallen.

Wo bin ich hier gelandet? Wie soll ich das bitte aushalten? Geschweige denn, wie soll ich hier entgiften, wie es so schön im Fachjargon heißt. Ich benötige einen Ort, an dem ich mich einigermaßen wohlfühle und nicht so einen verdreckten Kasten. Die Mitpatienten, die ich im Vorbeigehen sehen konnte, haben mir schon gereicht. Nicht, dass ich meine, dass ich etwas besseres bin, um Himmels Willen, aber ich wasche mich wenigstens. Soll ich heulen, schreien oder einfach wegrennen?

Dieser Gestank, der dieses Zimmer erfüllt, ist so widerlich, dass mir übel wird. Ich rüttel so stark am Fenstergriff, aber das Fenster lässt sich nicht öffnen, da kann ich noch so viel Kraft aufwenden. Und was ist, wenn dieser miefige Geruch gar nicht aus den Vorhängen herausschwappt, sondern meine Zimmernachbarin so ekelhaft stinkt. Ich kann nur hoffen und beten, dass dem nicht so ist. Wundern würde es mich allerdings nicht.

Langsam spüre ich, dass die Wirkung meiner Glücksbärchen ein wenig nachlässt. Es wird Zeit, dass der Stationsarzt mich kennenlernen will, denn ich glaube nicht, dass ich jetzt ins Stationszimmer gehen kann und mir so einfach eine Tablette über den Tresen geschoben wird. Da bedarf es wohl sicherlich einer ärztlichen Verordnung. 

Ich öffne einen der Spinde und schließe die Tür gleich wieder mit einem lauten Knall. Ekelhaft! Alles mistig und dreckig! Gibt es hier denn keine Putzfrau? Und wenn nicht, warum hat hier der letzte Patient nicht mal eben die Regalbretter abgewischt. Ich hasse fremde Haare, erst recht Schamhaare und die gekräuselten, recht kurzen Haare sind definitiv Schamhaare. Ich muss würgen. Ich will hier weg.

Noch habe ich mein Handy. Noch kann ich jederzeit jemanden anrufen und mich abholen lassen. Notfalls kann ich mir auch ein Taxi bestellen, umso schneller bin ich weg. Es ist mir auch egal, was eine Fahrt in ein sauberes Zuhause kostet. Hier kann ich es nicht aushalten.
Was aber, wenn ich jetzt nach Hause fahre, was dann? Weiterhin zwanzig Stunden schlafen und dennoch eine Panikattacke nach der anderen aushalten müssen? Das kann es doch alles nicht sein. 
Reiß dich zusammen, verdammt, reiß dich zusammen, flehe ich mich selbst an. Du musst das hier durchstehen. Es gibt keinen anderen Weg aus dem ganzen Sumpf.

Während ich versuche, mich ein wenig zu beruhigen, öffnet sich die Tür und eine gepflegte Frau betritt das Zimmer. Ein erster Lichtblick an diesem Tag!