XXV - Von Hundert auf Null/05. September 2011


Ich muss noch zwei Stunden warten, bis ich endlich das langersehnte Treffen mit dem Stationarzt habe.

"Fischer, mein Name, setzen Sie sich doch bitte", sagt der mir nun gegenübersitzende Arzt in einem ruhigen Ton. Ich schätze ihn auf etwa Mitte fünfzig. Schlank, nicht gerade sehr groß, schönes lockiges, dunkelbraunes Haar und er trägt eine furchtbar hässlich Brille. So hässlich, dass ich innerlich lachen muss. Wie kann ein Mann nur eine lilafarbene Brille tragen? Und dann auch noch eine mit viel zu großen Gläsern, die sein halbes Gesicht bedecken. Jetzt weiß ich auch, wen meine Leidensgenossen in der Raucherecke mit "Das Auge" gemeint haben. Es kann sich nur um Herrn Fischer handeln.

An diesem Erstgespräch nehmen außerdem die leitende Krankenschwester Cornelia sowie eine Sozialpädagogin teil. Warum ist mir zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht klar, aber fragen mag ich auch nicht.

"Schön, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben", beginnt Herr Fischer und ich spüre, dass er es wirklich so meint, wie er es auch sagt. " Welches Suchtmittel ist denn Ihr Problem?", will er interessiert von mir wissen.
"Medikamente", erwidere ich kurz und knapp.
"Oh, endlich mal wieder eine Patientin mit einem Medikamentenabusus. Benzodiazepine sicherlich, oder?", fragt mich der Stationsarzt und ich glaube, er freut sich, dass ich nicht einfach nur eine stinknormale Alkoholikerin bin.
"Sie wissen, dass der Entzug von Benzos nicht einfach ist, oder? Als Alkoholikerin hätten Sie es erst einmal weitaus leichter, aber das nützt nun nichts. Wenn Sie es schaffen wollen, dann schaffen Sie es auch und wir werden alles dafür tun, dass das auch klappt", klärt Herr Fischer mich auf. "Versprochen! Welches Präparat nehmen Sie zu sich?"
"Tavor", antworte ich wieder kurz. Es ist mir mehr als unangenehm, meine Sucht zuzugeben. Ich fühle mich klein und verletzbar.
 "Haben Sie heute schon Benzos eingenommen?", will der mit seiner lilafarbenen Brille so lustig aussehende Arzt von mir wissen, obwohl er genau weiß, dass ich mit Sicherheit schon ein paar Glücksbärchen eingenommen habe.
"Natürlich", platzt es aus mir heraus, "sonst würde ich hier gar nicht sitzen können", verteidige ich halbwegs meine Medikamenteneinnahme.
"Warum nicht?", will das Auge von mir wissen. "Sie kommen zu uns, um zu entziehen, würden es aber ohne die Benzos gar nicht erst hierher schaffen. Wie kommt das?"
"Naja, ich leide unter Panikanfällen und um diese zu unterdrücken, bedarf es der Benzos", antworte ich ehrlich, obwohl mir auch die Panikanfälle mehr als peinlich sind.
"Und wie machen die sich bemerkbar, die Panikanfälle?", will Herr Fischer von mir wissen und fährt sich mit der rechten Hand durch sein volles Haar, wie es eigentlich nur für eine Frau typisch ist.
"Ich habe in allen erdenklichen Situationen panische Angst zu sterben. Im Auto, im Zug, im Bus, beim Radfahren, beim Einkaufen, im Bett ... einfach überall. Mein Herz rast, ich habe Brustschmerzen, mir wird schwindlig, übel, alles um mich herum ist laut, zu laut", antworte ich gewissenhaft, so als wenn ich vor einem Prüfer sitzen würde.
"Gut, das ist zwar nicht schön, aber eigentlich kein Grund, um Benzos einzunehmen. Da gibt es doch durchaus andere Medikamente", versucht mich der Stationarzt zu belehren und wieder einmal habe ich es mit jemanden zu tun, der wahrscheinlich noch nie einen Panikanfall hatte, aber meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Wie ich diese Spezies hasse!