XXXI - Von Hundert auf Null/05.September 2011



Was mich bis dato positiv überrascht, ist, dass ich mein Handy noch nicht abgeben musste. Auch laufen hier sämtliche Patienten mit einem Handy rum, was da heißt, dass der Kontakt zur Außenwelt zumindest telefonisch gesichert ist.

Nach dem Abendbrot verkrümel ich mich in Julias und mein Zimmer. Obwohl es hier alles andere als gemütlich ist, benötige ich Ruhe.

Ein Medikamentenentzug scheint tatsächlich etwas anderes zu sein, als der Entzug vom Alkohol. Schon allein, weil die Alkoholiker eine Art Ersatz namens "Distraneurin" bekommen. Dieses Medikament kommt bei akuter Entzugssymptomatik zum Einsatz, darf allerdings auch nur bei stationärem Aufenthalt verabreicht werden, da es wohl einer ständigen Überwachung des Patienten bedarf. Wie dem auch sei, die Nebenwirkungen des Entzuges werden einfach weggezaubert und nach drei bis vier Tagen ist der körperliche Entzug geschafft. Warum habe ich also nicht nur einfach gesoffen? Die ganze Angst und Panik einfach herunterspülen, wäre doch eigentlich ein Leichtes gewesen.
Allerdings ist die Alkoholabhängigkeit um einiges kostenintensiver. Für meine Medikamente habe ich zum Schluss gerade mal fünf Euro bezahlt und kam damit in etwa zwei Wochen aus. Wenn ich mich hätte besaufen müssen, dann hätte ich bestimmt in dieser Zeit siebzig Euro oder mehr ausgeben müssen und geschmeckt hätte es mir mit Sicherheit nicht.

Kaum liege ich auf dem Bett spüre ich mein Herz wieder kräftig klopfen. Dieses andauernde Geklopfe ist einfach widerlich und bereitet mir Angst.
Sämtliche Organe meines Körpers könnten außer Takt geraten, es wäre mir egal, aber bitte nicht mein Herz, nur nicht das. Wenn es so kräftig schlägt, dann kann es einfach auf Dauer nicht gesund sein, egal, was die Ärzte sagen. Meines Erachtens wollen die mich alle nur beruhigen, damit ich endlich aufhöre, auf mein Herz zu achten. Vielleicht ja gut gemeint, aber für mich ist mein Herz das Leben! Wenn ein Herz nicht mehr schlägt, dann war es das, finito! Wenn eine Niere nicht mehr funktioniert, dann übernimmt die andere Niere die Aufgabe und notfalls irgendwann die Dialyse. Wenn eine Lunge nicht mehr funktioniert, dann bekommt man halt Sauerstoff. So einfach stelle ich mir das vor!
Gut, es gibt natürlich auch Herztransplantationen, aber nie und nimmer möchte ich das Herz eines anderen Menschen in meinem Körper haben. Nicht, weil ich glaube, der Mensch, der es mir gespendet hat, war kaltherzig oder dergleichen. Nein, ich hätte bei jedem Schritt Angst, dass mein Körper das Herz abstößt, denn ich gehöre zur Spezies derer, die an einer Herzangstneurose leiden.
Seit meinem ersten Panikanfall habe ich laufend Beschwerden, die einer Herzerkrankung ähneln. Herzrasen, Herzstolpern, Herzschmerzen, die oft sogar in den linken Arm ausstrahlen, Stechen oder aber auch Brennen in der Herzgegend, damit einhergehend Schwindel und Übelkeit, alles Syptome die auch bei einem Herzinfakt auftreten können. Die Symptome empfinde ich dabei als so bedrohlich, dass meine ganze Aufmerksamkeit meinem Herz gilt. Kurz gesagt, ich bin wohl ein Psycho und die Einnahme des Tavors ist in meinen Augen eigentlich mehr als berechtigt.