XL - Von Hundert auf Null/06. September 2011




"Und, haben Sie einigermaßen geschlafen", fragt mich die junge Schwester freundlich, während ich sichtlich nervös mit zitternder Hand meine Tabletten zu mir nehme, dies aber aufgrund eines viel zu kleinen Schlucks Wasser scheitert.
"Schenken Sie sich ruhig mehr Wasser in ihr Glas ein. Wenn wir hier nichts haben, aber ausreichend Leitungswasser", klärt die Schwester namens Simone mich freundlich lachend auf. 

Da mir in diesem Moment jegliche Art von Konversation zu viel ist, nicke ich nur ein bisschen blöd und beantworte die Frage nach meinem Befinden nicht weiter. Lieber verlasse ich das viel zu kleine Stationszimmer, in das mittlerweile schon die nächsten Patienten drängen.

Wie ich Menschenansammlungen hasse. Einfach widerlich. Nicht nur, dass ich mir einbilde keine Luft mehr zu bekommen und schon auf Grund dessen anfange zu hyperventilieren, nein, ich mag es auch nicht, wenn fremde Menschen mir zu dicht auf die Pelle rücken. Deren Geruch, deren Körperwärme, es ekelt mich einfach an.

Vor dem Stationszimmer, das fast an den Speisesaal grenzt, in dem gleich das Frühstück eingenommen wird, bleibe ich stehen, um mir das Treiben vor den großen Glastüren des Saals anzusehen. Allein der Anblick der Horde ist mir schon zu viel und mein Herz beginnt erneut zu rasen.

Punkt sieben Uhr öffnet sich die Tür und eine Meute von fünfzig Männern und Frauen erobert sich alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Noch betrachte ich alles auf weiter Entfernung, aber gleich werde auch ich mich in diesen Saal begeben müssen und mir graut schon jetzt davor.
Langsam nähere ich mich Schritt für Schritt dem Speisesaal. Alles ist laut und hektisch. Besteck klimpert, Teller werden auf die Tische geknallt, Stühle kippen um und als wäre das noch nicht genug, unterhält sich jeder Zweite mit seinem Tischnachbarn viel zu laut.
Ich nehme auf meinem Stuhl Platz, ohne mir zuvor ein Brötchen oder ein Stück Brot geholt zu haben. Es ist mir egal, ob ich etwas zu essen bekomme. Die Hauptsache ist, zu sitzen und nicht im Raum vor lauter Nervosität und Anspannung umzufallen. 
Meine Hände zittern wie verrückt und das bleibt auch meinen Tischnachbarn nicht verborgen.
"Ist doch gut, Lütte", versucht ein vom Kopf an abwärts Tätowierter mich zu beruhigen. 
Ich nehme an, dass er Alkoholiker ist. Er sieht furchterregend aus. Sein Kopf ist laienhaft mit einem Stacheldrahtkranz tätowiert. Unterhalb seines rechten Auges zieren Tränen sein Gesicht, drei an der Zahl. In irgendeinem Krimi habe ich vor einiger Zeit etwas über typische Knast-Tattoos gelesen. Danach symbolisieren Tränen lange Haftstrafen und begangene Morde. Obwohl mein Sitznachbar demnach ein harter Hund sein muss, strahlt er auf mich Ruhe aus und ich fühle mich in seiner Nähe sicher. Neben ihm werde ich nicht sterben müssen, so viel ist klar.