XLII - Von Hundert auf Null/06.September



"Oh Gott, das mit dem Trinken wird wohl gar nichts", stellt Ulrich, den ich von nun an Tränendes Herz nenne, fest.
Und tatsächlich! Ich habe jetzt vierundzwanzig Stunden keine Benzos zu mir genommen und mein Körper verselbständigt sich. Meine Hände zittern wie Espenlaub und nicht nur, dass es mir unangenehm ist, nein, es macht mir auch Angst. Natürlich, das ist sie wieder die Angst!

Wichtig für mich ist es, meinen Körper unter Kontrolle zu haben. Kontrollverlust bedeutet für mich Gefahr. Ich bin nicht mehr Herr meiner Selbst. Wie fremdbestimmt fühlt es sich an, wenn ich die Kontrolle abgeben muss. Allerdings habe ich nur Kontrolle über meinen Körper, wenn meine Glücksbärchen mir Ruhe vorgaukeln. Lieber stundenlang schlafen, als Unruhe verspüren.
Ich kann meinen Körper nicht akzeptieren, wenn er nicht das macht, was ich will. Und in diesem Augenblick kann ich noch nicht einmal mehr eine Tasse halten, ohne die darin befindliche Milch zu verschütten. 
An derartige Ausfälle habe ich überhaupt nicht gedacht. Nicht einmal trinken kann ich mehr, ohne dumm aufzufallen und ich wette, dass es noch viel schlimmer werden wird.

"Die Tasse vollzugießen, war keine gute Idee", stellt das Tränende Herz fest und puhlt eine Serviette aus dem Serviettenspender heraus, der eigentlich viel zu schön für diese Umgebung ist. 
Ich mag es, wenn Dekoartikel oder aber auch Schmuck silbermattiert sind. Es sieht in meinen Augen edel aus, aber das scheint hier wohl der Masse ziemlich wurscht zu sein. Pappe, Plastik oder silbermattiert, die Hauptsache ist, es gibt ordentlich was auf den Teller, der Rest ist wurscht. 
Würde ich hier nicht gerade alles vollplempern, wahrscheinlich würden die Servietten noch in einem Jahr in dem Spender ihr Dasein fristen, ohne, dass jemand Notiz von ihnen nehmen würde. Der Großteil der hier Anwesenden schmiert seinen Mund, seine Hände oder was auch immer, im Ärmel des Pullovers ab, völlig ungeniert. Immer schön rein mit dem Dreck. 

"So, ich werde dir jetzt ein Glas holen", tönt es auf dem Tränenden Herz heraus. "Das kann man ja nicht mit ansehen, was du hier für einen Siff veranstaltest. Dir muss man ja noch Tischmanieren beibringen, bevor man dich in die Öffentlichkeit lässt," lacht er und kommt kurz darauf mit einem hohen Glas wieder.
"Und jetzt erzählst du mir mal, von was du entziehst. Das sieht mir hier nicht nach einem Alkentzug aus. Was hast du bloß für eine Scheiße gefressen?", will das tätowierte Tränende Herz von mir wissen und sieht mich aus seinen viel zu traurigen Augen fragend an.