XLVIII - Von Hundert auf Null/06.September 2011


Auge, mein Retter.
Vor ihm haben alle Respekt! Ihn als eine Art Aufpasser an meiner Seite zu haben, ist eine mehr als gute Sache. So fühle ich mich hier trotz all der Knallköpfe sicher.

Auge erzählt mir, dass er den 35er hat und klärt mich auf, dass er bei seiner letzten Straftat total besoffen war, und er zu einer Freiheitsstrafe von nicht mehr als zwei Jahren verurteilt worden ist. Aufgrund dessen kann er sich einer Rehablilitation unterziehen und muss dafür nicht in den Knast wandern. Allerdings berichtet er mir postwendend, dass er die Reha nicht durchziehen wird und im Grunde auch gleich in den Knast wandern könnte. Er würde aber noch ein Weilchen hier bleiben, da das Essen hier wesentlich besser wäre, als der Knastfraß, ansonsten könnte man es im Knast gut aushalten. 
Gut aushalten? Davon will ich mehr erfahren. Nicht nur, weil ich es interessant finde, sondern auch, weil ich mich während seiner aufregenden Geschichten nicht auf meine Panik und die immer schlimmer werdende Unruhe konzentrieren kann.

Auge berichtet mir, dass er mittlerweile vierundfünfzig Jahre alt ist und schon etwa gut zwanzig Jahre davon im Knast verbracht hat. Die meiste Zeit davon in Santa Fu, der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel in Hamburg.
Diesen Namen habe ich schon mal gehört, aber bis dato nie jemanden kennengelernt, der auch nur eine Nacht dort gewesen ist. Jetzt sitzt mir jemand gegenüber der bereits zwanzig Jahre dort verbracht hat. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie imponiert es mir, zumindest aber finde ich es nicht abstoßend.

Das erste Mal ist Auge bereits mit zwölf auffällig geworden. Er und seine Leute haben alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist. Angefangen mit Fahrrädern, Fernsehern und dergleichen bis hin zu Autos oder Harleys. 
Ich kapiere zwar im ersten Moment nicht, wie man als zwöljähriger Lümmel bereits Autos klauen kann, aber wahrscheinlich braucht man nur die falschen Freunde, die im günstigsten Fall auch noch älter sind.
Mit vierzehn hat Auge sich dann auch schon den ersten Schuss gesetzt. Um den Heroinkonsum finanzieren zu können, musste seine Klauerei professioneller werden, da er mindestens einhundertfünfzig Mark am Tag benötigte. Seinen Arsch wollte er nicht hinhalten und so ist er mit seinen Kumpanen in die Keller von Gutbetuchten oder aber in Lagerhallen eingebrauchen. Da man in jungen Jahren das Risiko wohl noch nicht so richtig einschätzen kann, sind ihre Einbrüche ziemlich schnell aufgeflogen und der Jugendknast war von nun an sein Zuhause. 
Ich frage ihn, ob er denn keine Angst gehabt hätte, irgendwann einmal in den Knast zu müssen, aber das sei ihm völlig schnuppe gewesen, denn das Gute am Knastleben ist, dass man Drogen umsonst bekommt. Okay, man muss eine Gegenleistung erbringen, aber so lange man nicht den Arsch hinhalten muss, ist alles in Ordnung. Eine Hand wäscht die andere und wer da nicht mitzieht, der hat ein schweres Leben im Knast und zwar ein verdammt schweres Leben!