Rezension: "Das Verschwinden des Philip S." von Ulrike Edschmid



Als Philip S. im Spätsommer 1967 aus der Schweiz kommend, sein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin aufnimmt, ist Benno Ohnesorg seit ein paar Monaten tot. Die Stimmung in der Stadt ist aufgeheizt und immer mehr Studenten politisieren sich, nicht aber Philip S. Anstatt sich der linksextremen Studentenszene anzuschließen, widmet er sich vorerst der Kunst und arbeitet an seinem ersten und einzigen Film. 
Nein, unpolitisch ist er nicht, er verfolgt politische Diskussionen durchaus und kommt irgendwann an einen Punkt an, an dem er sich zu denen, die sich radikalisieren, hingezogen, sich mit ihnen verbunden fühlt.
Nach und nach zieht er sich zurück. Er zieht sich zurück aus einer Welt, die er nicht aushält und die er nicht ertragen kann, obwohl sie ihm doch Heimat und Halt gibt. Aus einem Lebensgefährten und liebevollem Vaterersatz wird ein Mitglied der Bewegung 2. Juni. Ein Mitglied, das den Widerstand gegen den Staat und dessen Politik nicht überleben wird.

Die Autorin Ulrike Edschmid nimmt uns mit in die dramatischste Phase ihres Lebens. Dorthin, wo sie sich in Philip S., Student aus wohlhabenden Hause, verliebt und auch dorthin, wo sich ihr Lebensgefährte eines Tages radikalisieren wird.
Es geht in dieser Erzählung nicht um die Aufbereitung des Todes, eines Mitglieds der Bewegung 2. Juni. Edschmid will nicht anklagen, versucht in Philip S. kein Opfer und auch keinen Täter zu sehen. Vielmehr geht es ihr um den Menschen Philip S., eben jenen Menschen, den sie liebte, der ihren kleinen Sohn annahm, wie sein eigenes Kind und um die Zeit, in der sie miteinander lebten. Dennoch spürt der Leser von der ersten Minute an, dass dieses Buch auch eine Anklageschrift ist. 
Die Autorin setzt sich mit der Gewalt der Polizei auseinander sowie aber auch mit der Gewalt all derer, die den Staat verändern wollten. Der Drang nach Veränderung ist in dieser Zeit so stark, dass immer mehr Grenzen überschritten werden. Gewaltlosigkeit scheint kein Kompromiss und keine Lösung zu sein, um Veränderungen zu erzielen. Wie passt all das in ihre Welt, in der Menschlichkeit vorherrschen soll und Glück das Leben bestimmt. Denn eines ist klar, Edschmid ist mit Philip S. glücklich gewesen
Doch er verändert sich, radikalisiert sich und so geraten sie ins Visier der Behörden. Immer wieder wird ihre Wohnung, in der sie mit Anderen leben, durchsucht und schließlich werden sie beide nach einer Demonstration verhaftet. Aus der Haft entlassen, steht für die Autorin fest, dass es nicht zu einer erneuten Inhaftierung kommen darf, da das Wohl ihres Sohnes an erster Stelle steht und sie eine erneute Haft auch nicht aushalten würde.
S. verabschiedet sich nach der Entlassung sang- und klanglos aus der Beziehung und taucht in ein anderes Leben ab. All die wundervollen Gemeinsamkeiten, wie die Erziehung des Sohnes oder aber die Eröffnung des ersten Kinderladens, gehören auf einmal der Vergangenheit an.

Wie kam es zu diesem Wandel? Warum gibt man das Glück auf und umgibt sich freiwillig mit Gewalt und den Gewalttätigen. Da waren zwei, die völlig andere Zukunftsvisionen hatten. Auch 40 Jahren nach dem Tod von Philip S. findet die Autorin und Lebensgefährtin Edschmid keine Antwort. Was bleibt, das sind die Jahre vom ersten Kennenlernen eines jungen Studenten bis zu dessen Tod auf einem Rastplatz. Erschossen im Rahmen einer Polizeikontrolle, bei der er das Feuer auf einen Polizisten eröffnet haben soll.

Ein bewegender Roman, der eine Zeit beleuchtet, die vom Umbruch geprägt ist.


Meine Bewertung: 5***** von 5***** Sternchen

Das Verschwinden des Philipp S.
von Ulrike Edschmid
erschienen bei Suhrkamp
157 Seiten 
ISBN: 978-3-518-42349-3
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag 
Preis: 15,95 € 


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