Rezension: "Bevor ich jetzt gehe" von Paul Kalanithi



Eine Rezension zu diesem Buch zu schreiben, fällt mir außerordentlich schwer. Darf ich schreiben, dass die Lebensgeschichte eines schwerkranken Mannes mich nicht berührt, ohne damit in einen Gewissenskonflikt zu geraten. Ich habe entschieden - ich darf.

Der Autor Paul Kalanithi erkrankt im Alter von 37 Jahren an Krebs. Lange hat er nicht mehr zu leben und so schreibt er eben dieses Buch "Bevor ich jetzt gehe", um seiner kleinen, gerade geborenen Tochter ein Stück seines Lebens mit auf ihren Weg zu geben.
Es ist die Geschichte eines liebenden Ehemannes und Vater, der viele Jahre dafür kämpft, ein erfolgreicher Neurochirurg zu werden und der auf Grund seines Wissens und nicht zuletzt auch wegen seiner außerordentlichen Geschicklichkeit, ein erfolgreicher Arzt wird. Ein Arzt, wie er im Buche steht, sollte man meinen. Denn es gibt keinen besseren als ihn.
Als er sich als Arzt endlich beweisen und sein Können im vollen Ausmaße zeigen kann, erkrankt er selbst an einem bösartigen Hirntumor. Er kennt sich mit der Materie nur zu und zu gut aus, als dass er nicht weiß, dass er nicht mehr allzu lange zu leben hat.

Mit Sicherheit ein Buch, das traurig endet, ohne Frage. Was aber habe ich erwartet, wenn mich diese Geschichte nicht berührt? 
Erwartet habe ich die Geschichte eines Mannes, der noch einmal sein Leben Revue passieren lässt. Der all das, was er geschaffen hat oder aber auch nicht, noch einmal lebendig werden lässt und vorallem habe ich erwartet, dass ich einen Mann kennenlerne, der sich mit seinem Tod viel intensiver auseinandersetzt - der weint, schreit, hadert, Gott anklagt und seinem Gefühlchaos, in das er zwangsläufig geraten müsste, preis gibt. Aber Fehlanzeige.
Anstatt dessen lerne ich einen oberflächlichen Neurochirurgen kennen, der sich für das Non plus ultra hält. Es ist bewundernswert, wenn jemand die Fähigkeit besitzt, zu etwas Großem berufen zu sein. Aber muss ich in einem Buch, das die letzten Monate im Leben aufzeichnet und ein Vermächtnis an all die Hinterbliebenen sein soll, 100 Seiten füllen, um der Leserschaft zu sagen, was für ein begnadeter Neurochirurg ich bin und so ganz nebenbei eigentlich der Beste,  und das der Beruf des Neurochirurgen weit über allen anderen Berufen steht?
Mit Sicherheit nicht und leider trägt das dazu bei, dass Paul Kalanithi mich nicht für sich gewinnen kann, da er auf mich, ich muss es leider so sagen, einen unsympathischen Eindruck macht.
Ich werde mit einem Mann konfrontiert, der sich auf den weiteren 100 Seiten mit seinem Schicksal auseinandersetzen will. Aber auch diese Zeilen berühren mich nicht, da er als Person im Verborgenen bleibt. Ich lerne ihn nicht kennen. Ich suche nach dem Ehemann, Vater, der Angst hat zu sterben. Angst, all das nicht mehr mitzuerleben, was er doch so gern noch erleben würde. 
Wo bleibt die Verzweiflung? Wo bleibt all der Schmerz über den Verlust des Lebens. Ich finde sie nicht, da kann ich mir den Text noch so oft zu Gemüte führen und das macht die Story in meinen Augen nicht echt. Es bleibt mir ein Rätsel, warum Kalanithi dieses Buch überhaupt geschrieben hat.
Erst im Nachwort, das von seiner Frau geschrieben wurde, erfährt der Leser endlich etwas über den Menschen Kalanithi. Doch das zu einem Zeitpunkt, da ich persönlich mit dem Buch schon längt abgeschlossen habe.

Auch die Bewertung des Buches fällt mir schwer. Eigentlich würde ich gern nur ein Sternchen vergeben. Da das Buch jedoch einen traurigen Hintergrund hat, vergebe ich dann doch 2 Sternchen.


Meine Bewertung: 2** Sternchen von 5***** Sternchen
 
Bevor ich jetzt gehe
von Paul Kalanithi
erschienen bei Knaus
208 Seiten 
ISBN: 978-3-8135-0725-6
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag
Preis: 19,99 € 

Kommentare:

  1. eine interessante besprechung, die du da gepostet hast.

    es ist mir aufgefallen, daß du das buch an deinen erwartungen misst: "vorallem habe ich erwartet, dass ich einen Mann kennenlerne, der sich mit seinem Tod viel intensiver auseinandersetzt - der weint, schreit, hadert, Gott anklagt und seinem Gefühlchaos, in das er zwangsläufig geraten müsste, preis gibt. Aber Fehlanzeige."

    die mit dieser festgefügten erwartung (du wiederholst sie ja in deiner besprechung) verbundene diskrepanz 'buch - leserin' kann man nicht dem buch anlasten. für mich ist interessant, daß du offenbar eine genaue vorstellung davon hast, wie man seinem eigenen tod entgegen zu treten hat, wie man zu sterben hat. aber es stirbt eben jeder auf seine art und weise, setzt sich auf seine art und weise mit seinem tod auseinander. und die war bei kalanithi eben so, wie er es in diesem buch dokumentiert hat. ich denke, das sollte man respektieren und vllt kannst du die tatsache, daß das mit deinen erwartungen kollidiert hat, dazu nutzen, deine erwartungen zu überdenken.... ;-)

    ich habe das buch auch gelesen, falls es dich interessiert: https://radiergummi.wordpress.com/2016/05/25/paul-kalanithi-bevor-ich-jetzt-gehe/

    herzliche grüße

    p.s.: jetzt bin ich gespannt, ob ich den kommentar posten kann. ist manchmal etwas komplizierter, wenn man nicht bei blogspot ist..... schaumermal!

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  2. Hat doch geklappt mit der Bewertung ;)

    Wenn ich ein Buch kaufe oder lese, dann habe ich immer eine gewisse Erwartung und ich denke, dass das völlig normal ist. Ein Krimi soll spannend sein, ein Sachbuch aufklären oder hinterfragen usw. Und so habe ich auch Erwartungen an ein Buch, das sich eigentlich doch mit dem Tod auseinandersetzen sollte oder zumindest mit dem Sterben und der Restzeit des Lebens. Im Übrigen habe ich allen Dingen gegenüber eine gewisse Erwartungshaltung und ich fahre damit auch ganz gut ;)
    Dieses Buch scheint so unantastbar, weil es den Krebsbonus hat. Hätte ein Alkoholiker dieses Buch geschrieben, ich möchte nicht wissen, wie die Kritik dann ausgefallen wäre. Die ersten 100 Seiten sich in den Himmel lobend, was er doch für ein toller Kerl vor seiner Alkoholerkrankung war und die restlichen 100 Seiten, nachdem er erfahren hat, dass seine Leber nicht mehr lange mitmachen wird, über das, was noch bleibt. Ein Verriss des Buches wäre vorprogrammiert, da bin ich mir sicher.
    Aber wie dem auch sei, es ist doch gut, dass Geschmäcker, Bewertungen, Beurteilungen, Kritiken unterschiedlich ausfallen. Was wäre es doch sonst langweilig und öd, zumal Stillstand herrschen würde und die Wörter Entwicklung und Zukunft wahrscheinlich aus dem Sprachgebrauch gebannt worden wären.

    Alles Liebe und schon einmal einen schönen 3. Advent ;)

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  3. Eine Meinung zu so einem speziellen Buch interessiert mich immer sehr. Und ich finde, es ist nicht einfach etwas zu einem Buch zu schreiben, das eine Biografie ist oder wie hier, ein Stück eines Lebens für die eigene Tochter.

    Ich stimme Gesa zu, dass man immer eine eigene Erwartung an das Buch hat. Wie sonst sollte man sich für eine Geschichte interessieren?
    Aber genauso sollte eigentlich klar sein, dass tatsächlich jeder auf seine eigene Art Abschied vom Leben nimmt. Und nicht jeder hat Angst vorm Sterben. Die einen weinen, jammern und hadern mit ihrem Schicksal und die anderen können sich mit dem Gedanken gut anfreunden und sei es nur, weil sie einen starken Glauben an ein Leben danach haben.

    In Punkto Bewertung habe ich mir auch Gedanken gemacht, da ich grundsätzlich finde, dass die eigene Meinung zum Buch auch in einer expliziten Bewertung münden sollte, sei es mit Noten, Sternchen oder eben mit Marienkäfern. ;-) In so einem Falle würde ich persönlich aber die Bewertung anhand einer Skala weglassen. Das wäre mein Kompromiss und der Respekt gegenüber einem Menschen, einem Sterbenden, der ein paar Worte der Nachwelt hinterlassen wollte, vor allem, wenn es sich auch noch um ein persönliches Buch an seine Tochter handelt. (Ohne, dass ich jetzt weiß, sie sehr er sie im Buch erwähnt oder anspricht.)Wie persönlich privat er dabei wird oder auch nicht ist dabei unerheblich. Wahrscheinlich würde ich sagen, dass diese Art, wie der Sterbende mit diesem Thema umgegangen ist, nicht die richtige für mich gewesen war. Irgendwie liest sich dein letzter Absatz mit der 2 Sterne-Bewertung sehr unglücklich.

    Ich hoffe, ich habe mich nicht zu kompliziert ausgedrückt.

    Wünsche dir noch eine schöne Adventszeit mit noch vielen guten Büchern bis zum Ende des Jahres!
    GlG vom monerl

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  4. Liebe Monerl,

    nein, du hast dich natürlich nicht komliziert ausgedrückt. Ich verstehe alles ;)

    Ich denke, wenn ich jetzt noch einmal auf deinen Kommentar eingehe, dann drehe ich mich im Kreis, denn was ich sagen will, habe ich bereits ja mehrfach getan. Also, nicht böse sein, wenn ich nicht explizit noch einmal darauf eingehen werde, das heißt nicht, dass ich deinen Worten nicht folgen will.

    Ich gehöre zu der Spezies derer, die sich gern dem Thema des Sterbens annehmen, einfach aus dem Grunde, weil ich selbst schon sehr krank war oder auch noch bin. Deshalb werde ich mit Sicherheit noch viele Bücher aus diesem Bereich lesen und rezensieren. Ich werde mir dann deine Worte vor Augen halten und sehen, inwieweit ich meine Rezensionen überdenken sollte.

    Alles Liebe und ich wünsche dir noch eine wunderschöne Vorweihnachtszeit, ein schönes Weihnachtsfest und einen gesunden Start ins Neue Jahr!

    Gesa

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